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Körperspiel

Vorwort
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Die alte Abbey ging wieder ihre morgendliche Route. Einmal quer durch das kleine Dorf, und freundlich wie sie immer war, lächelte sie jeden mit ihren großzügigen und gutmütigen Augen an. Doch jedes Mal wenn sie ihren Mund zum lächeln verzog, fing eine noch gar nicht so alte Narbe an ihrer Wange an sich unheimlich und ruckartig zu verzerren. Und wenn man den Blick zu lange darauf richtete, konnte man wieder Blut aus ihr quellen sehen.
Plötzlich war alles regungslos. Bauer Colrin hatte sich gerade seine alten Lederlatschen zugeschnürt, und blickte gedrückt auf, und auch Abbey blieb für diesen Moment stehen. Die kleine Emilie Rogent, ein achtjähriges Mädchen dass allein mit Mutter und Tante lebte, rannte heulend, schluchzend und kreischend in eine schier triviale Richtung. Sie konnte gar nicht sehen wohin sie lief, denn sie hatte dicke Tränen in den Augen.
Schon wieder ein heulendes Kind, in diesem schlimmen Jahr 1264. Hätten diese Zeiten nicht vor kurzem erst vorbei sein sollten? Hätte der Krieg nicht vorbei sein sollen, nachdem fast jeder männliche Landesbewohner sein Leben lassen musste?
Der Krieg war tatsächlich vorbei, doch er trug immer noch seine Sporen.

Pater Emil Dronjak redete mit Annegret Husken in der alten Dorfkirche. Es war mittlerweile fast Mittag, und die Stimmung war arg bedrückt. Corlen Rogent, die tapfere und immer liebevolle Mutter der kleinen Emilie war gestorben. Man wusste noch nicht warum, aber es hieß, sie sei an der Qual des Verlustes ihres Mannes verschieden.
"Was mag jetzt nur mit Emilie werden?", fragte Annegret bestürzt den Pater. "Das arme Kind hat immer gelächelt, und sie war so niedlich wenn sie Blumen auf der Wiese pflückte."
"Ja. Und ich glaube, man hat ihr bis jetzt auch verschwiegen, dass ihr Vater ebenso nicht mehr unter uns weilt. Nun hat sie auf einen Schlag, Vater und Mutter verloren. Sie wird wohl nie wieder so sein, wie sie einmal war." Emil rückte sich die Brille zurecht, und rieb sich mit derselben Handbewegung auch eine ankommende Träne aus dem Auge.
"Lebt sie jetzt bei ihrer Tante?"
"Ja", sprach der Pater nach einiger Zeit. "Ich denke Riku wird das Mädchen gut in dieser schweren Stunde begleiten können. Obwohl die Tante selbst doch auch so feinfühlig ist."
"Das lag aber schon seit jeher in der Familie. Schon meine Mutter pflegte von den empfindlichen, aber liebevollen Rogents zu sprechen. Doch so ein Schicksal darf einfach niemanden erwischen. Der Krieg ist vorbei. Das ganze Dorf ist in gespielte Freundlichkeit und Zufriedenheit umhüllt, doch ein Zwischenfall wie dieser, und die hitzige und deprimierte Stimmung kann wieder ausbrechen."
"Das stimmt", gab der Pater ihr Recht. "Die zahlreichen Schlachten haben unsere Heimat verändert. Alle Frauen zwingen sich nun, nicht mehr gebückt, sondern zuversichtlich auszusehen. Doch es gelingt niemandem so richtig. Und die Männer die den Krieg hautnah mitbekamen und nur durch Glück überlebten", Emil stockte kurz, "ihnen ist nichts mehr heilig."
"Womit haben wir eine solche Epoche nur verdient?", fing Annegret schluchzend an, und brauchte mehrere Minuten um sich wieder zu sammeln. "Möge der Heiland uns schnell ins Himmelreich mitnehmen."

Der Nachmittag war bereits lange angebrochen. Corlens Leiche wurde schon vor einigen Stunden aus ihrer Hütte weggebracht, und in die Kirche gelegt. Der Trauergottesdienst sollte morgen in aller früh stattfinden, und im Moment saßen Emilie und Riku auf dem Bett ihrer ehemals lebenden Verwandten. Ein Gespräch fand nur in Bruchstücken statt, und beide hatten rotgeweinte Augen.
Ab und zu kam jemand herein, um tiefes Mitgefühl auszudrücken. Dann redete man kurz, umarmte sich manchmal, und war schnell wieder allein. Inzwischen brannte Emilie schon seit mehreren Stunden nicht nur die Verzweiflung im Körper, sondern auch eine Frage. Sie suchte nach einem Zeitpunkt um sie auszusprechen, aber nie schien ein passender vorhanden zu sein.
Einmal wollte das Mädchen diese ungewisse Frage stellen, hatte sich schon durchgerungen, doch gerade dann kippte Riku heulend zur Seite und richtete sich erst lange später wieder auf.
Jetzt war es für Emilie wieder soweit, und sie rang nach Mut. Auf keinem Fall wollte sie ihre liebe Tante vor den Kopf stoßen, vor allem weil sie immer nach Atem rang, wenn jemand Corlen erwähnte. "Wird Mutter morgen direkt nach der Kirche beerdigt?", sprach sie es schließlich doch aus. Und es kam, wie sie es befürchtete: Riku fing wieder bitter an zu weinen.
"Was bist du für ein taktloses Kind", schluchzte sie.
Emilie fing nun selbst an zu weinen, und wurde sofort von ihrer Tante in den Arm genommen. Das Mädchen hasste sich jetzt selbst für ihren schier fehlenden Anstand, aber sie hatte noch keine Antwort erhalten.
"Bitte, Tante, sag es mir!" Ihre eigene Stimme klang fremd und schwach.
"Normalerweise erst am Abend nach dem Gottesdienst", sprach Riku schließlich. "Aber warum fragst du mich so etwas?"
"Ich will Mutter Blumen ins Grab legen", schluchzte sie wieder. "Nein, bitte bleib von dem Grab weg! Der Pater wird sie sowieso ohne uns vergraben, so ist es üblich. Kein Angehöriger muss zu sehen."
"Aber ich möchte ihr doch Blumen pflücken! Sie war immer so froh, wenn ich ihr Blumen mitgebracht hab!"
Und unbewusst war die Hütte wieder von lautem Schluchzen erfüllt. Diese Erinnerung war zuviel für beide, und niemand redete mehr ein Wort an diesem Tage.

Der Mond stand hoch am Himmel, und Pater Emil hatte eigentlich gar nicht mehr erwartet, noch Besuch empfangen zu müssen. Doch es war wieder soweit. Es war soweit für ein Geschäft, das seit Ende des Krieges lukrativer als alles andere war.
"Was willst du?", fragte Pater den schlitzäugigen Dawe.
"Du weißt was ich will, denn ich komme sowieso immer nur aus diesem Grund. Corlen hatte viele Verehrer."
"Kannst du die frisch Verstorbenen nicht wenigstens erst in den Himmel aufsteigen lassen, bevor du dein dreckiges Geschäft mit ihnen machst?"
"Hey", wich Dawe aus, "immerhin mache ich das Geschäft mit dir." Für kurze Zeit herrschte Stille. Wie immer konnte Emil erst weiter reden, als er absolut sicher war dass niemand sie belauschte.
"Der selbe Preis wie immer?"
"Ja", antwortete der schlitzäugige schnell. "Und dafür vergräbst du die Leiche nicht, sondern schließt sie in die Hütte ein. Am morgigen Abend werde ich dir den Kunden schicken."
"Hast du ihn schon in die Vorgehensweise eingeführt?"
Dawe grinste. "Er macht es nicht zum ersten Mal."
Der Pater seufzte und nahm die vereinbarte Summe in empfang.

Die Nacht verging ruckartig, denn kein Schlaf der beiden dauerte länger als eine halbe Stunde an. Von draußen drang kalte und frische Luft in ihr Zimmer, doch irgendwie verbreitete die Dunkelheit auch eine kleine Vorstufe von Panik. Die Schwärze drohte nicht nur draußen zu bleiben, sondern sich zu verbreiten. Wie ein schwarzer Vorhang, der sie zu umhüllen drohte.
Der Tod hatte schon am heutigen Vormittag an die Türe der Familie geklopft, und die Nacht schien die morgendlichen Geräusche von Angst und Trauer wie ein Echo wiederzugeben. Während der Pater gerade dabei war, die dunklen Geschäfte mit ihrem Körper zu beenden, geisterte die Seele der Verstorbenen noch in den Köpfen von Emilie und Riku herum. Dann befreite der Schlaf, und kurz darauf gab es wieder nur die Realität. Die traurige Wahrheit -
Keine Kerze, und kein Feuer knisterte, von draußen drangen fast keine Geräusche hinein. Einzig und allein dass schwere und hauchige Atmen war in der Dunkelheit zu hören.
Ihnen war heiß. Sie schwitzten in ihrem Körper, und das Mädchen löste ihre verklebten Händchen von denen ihrer Tante - und neuen Mutter. Wieder kamen alte Erinnerungen in ihr hoch. Corlen als die liebevollste Person der Gegenwart, deren Lächeln mehr wert war als Krieg und Frieden. Deren Glanz jede Umgebung von Trümmern befreite. Und diese Lichtgestalt sollte nun morgen einfach in der Erde vergraben werden. War das nicht ungerecht? Würden Blumen nicht wenigstens etwas von ihrer Pracht auch im Tode bewahren?
Man könnte mit dem Pater, dieser tapferen Seele reden. Dann könnte Corlen auch in Emilies Seele in Frieden ruhen. Oder aber...
...der Boden war feucht, am Nachmittag hatte es ein wenig geregnet. Und dunkle Wolken waren in den letzten hellen Stunden am Himmel sichtbar gewesen. Gab es nicht dieses ungeschriebene Gesetz im Dorf, das keine Leiche im Matsch beerdigt werden dürfte? Und regnen würde es auf jeden Fall. Emilie lauschte und hörte ein leises Plätschern.
Man würde das Loch wohl bereits jetzt ausheben, aber Corlen nicht reinlegen. Emilie hätte dadurch genug Zeit, um einen ganzen Berg voll Blumen zu pflücken und den Grabboden damit zu verlegen. Ihre liebe Mutter könnte selig auf Blumen schlafen, auf einem Bett aus Blumen.
Und dazu müsste Emilie nur Blumen pflücken, und sie morgen Abend nach Einbruch der Dunkelheit im Grab verteilen. Denn dann, wäre das Loch bestimmt gegraben.
Das Mädchen fing an, diese Idee zu lieben. Sie schöpfte in ihr wieder neue Hoffnung, und wie durch einen Wink des Schicksals schlief sie nur Sekunden später in einen erholsamen Traum ein.

Zermürbt, zerknirscht und zerknittert wachten Emilie und Riku am nächsten Morgen auf. Wobei der Lebenswille letzterer am gestrigen Tag erschreckend geschrumpft war. Nicht so bei Emilie. Das Mädchen fand in ihrem Vorhaben neue Hoffnung und Lebensmut.
Riku streckte und schniefte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht, wobei aber trotzdem noch ein ekelhafter Geschmack im Mund blieb.
"Seid ihr nun wach?", fragte der Pater beim hereinkommen. "Es ist spät, und wir wollten mit der Messe anfangen, sobald ihr bereit seid."
Riku schniefte wieder, nickte, versuchte vorsichtig zu lächeln. "Es tut mir Leid, euch schon am ersten Morgen danach damit zu belasten", entschuldigte Emil sich. "Aber es ist bei uns eben so geregelt. Eine Tradition. Doch vielleicht muntert euch die enorme Anteilnahme des Dorfes auf, die Kirche ist schon halb voll, obwohl die Messe noch nicht einmal ansatzweise angefangen hat."
"Es... freut mich", stammelte Riku in mehreren Atemzügen. "Corlen schien sehr beliebt gewesen zu sein."
"Hört doch auf, in der Vergangenheit von ihr zu reden", fing der Pater an, "sie wird auch in Zukunft ein Mitglied des Dorfes bleiben. Jeder, der sie erleben durfte, wird sie im Herzen tragen."
"Wohl wahr." Man stand auf. Der Pater verließ den Raum und wartete draußen, Riku und Emilie zogen sich ihre schwarzen Trauerkleider an. Kleider die unschöne Gedanken aufriefen. Sie hatten die Stoffe noch nie angezogen, obwohl Emilies Vater doch mittlerweile sicher tot war. Einmal sprach Riku Corlen deswegen an, irgendetwas in der Richtung: "Wir sollten beginnen um deinen Mann zu trauern", doch Corlen wurde nur blass und flüsterte: "Ich kann nicht wahr haben dass er tot ist. Ich vermute es, doch innerlich will ich es nicht begreifen." Corlen hatte ein weiches Herz.
Und nun blieb ihr Mann unbetrauert, nur weil sie selbst seinen Platz einnahm! Welch verfluchte Ironie!
Riku sah die kleine Emilie an. Sie sah arg bekümmert aus, aber in ihren Augen funkelte etwas. Als ob sie von dem Frust bereits geheilt wäre... Merkwürdiges Kind.
Aber vielleicht auch nur von der Situation überfordert. Unfähig, all dies Grausame zu begreifen, wo sie doch immer so lieb und unschuldig war. Beneidenswert.
Aber es muss ja auch irgendwie weitergehen. Man kann ja nicht ewig trauern. Spätestens wenn die Kleine wieder lachte, würde auch Riku wieder lachen können. Zumal ein herzhaftes Lachen auch durchaus ansteckend war.
Genug davon. Zeit für die Messe, und Dutzende Beileidsbekundungen.
Aber... Corlen... Ebenso wie die Verstorbene nie wirklich wahrhaben konnte, dass ihr Mann im Krieg fiel, würde Riku niemals wahrhaben wollen, dass es eine Zeit gab in der sie nicht mehr um Corlen weinte.

Die Messe endete, und Riku ging mit Emilie gradlinig zurück zur Hütte. Das Mädchen fand heraus dass ihr Plan möglich war. Der Pater sprach in seinen langsamen Worten zu ihnen, und erzählte dass man die Leiche wegen dem drohenden Regen erst morgen ins Grab legen wollte.
Emilie ahnte nicht einmal ansatzweise, dass diese Terminverschiebung einen ganz anderen Grund hatte...
Jedenfalls regnete es jetzt; ganz wie erwartet.

Es war am Nachmittag. Kaum hörte es auf zu regnen, verlangte Emilie nach draußen zu dürfen. Riku konnte es ihr nicht verdenken, denn in dieser Hütte zu sitzen, war ein durchaus deprimierendes Gefühl.
Und während Emilie ungehindert auf der Dorfwiese Blumen pflückte, meldete sich auch der Pater wieder bei Riku. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dieses Geschäft mit Corlens Körper und dem schlitzäugigen Dawe gemacht zu haben, weswegen er sich jetzt ablenken musste.
Natürlich konnte er Riku niemals ins Gesicht sagen, was das Furchtbare an diesem Geschäft war, aber er konnte ihnen mit seinem Wissen helfen, allein über die Runden zu kommen. Riku war leicht verletzbar, das wusste er.
Und außerdem fiel ihm Emilies Neugier zum Zeitpunkt des stillen Begräbnisses auf. Das war ungewöhnlich. Das Interesse am Körper einer Verstorbenen sollte nach der Messe verschwunden sein. Wichtig war: Emilie durfte bis zum Ende des Geschäftes, nicht, aber auf gar keinen Fall in die Nähe der Kirche, und somit des Leichnams kommen!
Darüber musste gesprochen werden. Emil würde froh sein, wenn Corlen endlich im Grab und ein dicker Meter Erde über ihr lag. Er durfte sich nie wieder zu so einem Geschäft überreden lassen.

"Ich kann nur ahnen, wie Ihnen zumute ist", begann der Pater, nachdem er sich mit Riku an den Tisch setzte. "Ich bin Pater, Gott ist meine einzige Verwandtschaft. Und der Herrgott bleibt mir bis zum Tode treu, und sogar darüber hinaus."
"Was ist mir Ihrer Mutter, Emil? Ist sie noch am Leben?"
"Nein, aber ich kann mich auch nicht erinnern sie jemals getroffen zu haben. Ich lebte in einem weit entfernten Nachbardorf meine Jugend aus, bei meiner Tante. Irgendwann verließ ich sie, um mich selbst zu finden." Er fing an zu lächeln. "Und nun bin ich Pater."
"Ich bin froh, dass Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben."
Als Antwort setzte Emil eine todernste Miene auf. "Passen Sie auf Emilie auf. Lassen Sie sie heute nicht so lang rausgehen." Riku wirkte anfangs etwas geschockt, aber als sie die Schweißtropfen auf der Stirn des Paters sah, stimmte sie schnell zu.

Die Kleine war die ganze Zeit am Blumen sammeln. Sie tat gar nichts anderes mehr, ließ sich von neugierigen Blicken nicht stören, und ging auch nicht mehr heim zu Riku. Sie lebte diese Tätigkeit aus, und kostete schnappend nach dem Leben welches sie in ersterer fand. Der Berg an gesammelter Blumen - sie wusste noch nicht einmal wie die einzelnen Arten hießen - wurde Stunde um Stunde größer, und selbst den Punkt an dem sie "es reicht" dachte, ignorierte sie. Sie musste dieses Stück Natur ihrer Mutter unbedingt ins Grab legen, selbst wenn sie noch tiefer graben musste um für die ganzen Pflanzen Platz zu bekommen.

Am frühen Abend kam Emilie zurück. Die Blumen hatte sie auf der Wiese unter einem alten knochigen Baum aufgetürmt; und der Weg von dort zur Kirche, wo sich Corlens Grab wohl befand, war geschickterweise nicht sonderlich weit. Also ideale Vorraussetzungen.
"Was fällt dir ein, so lange weg zu bleiben?", schnauzte Riku sie grob an. "An so einem furchtbaren Tag!"
Emilie war sofort eingeschüchtert, versuchte zu reden, brachte aber keine Worte heraus. Stattdessen verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem heulenden Ansatz.
"Du bleibst morgen daheim, unter keinen Umständen lasse ich dich in den nächsten Wochen noch mal so lange weg bleiben (eigentlich heißt es "weg gehen")!" Riku versuchte sich von Emilies Schluchzen nicht beeinflussen zu lassen, und drehte sich kühl in eine andere Richtung.
Auch Emilie wendete sich ab. Warum hatte sie die Blumen gepflückt, wenn sie sie Corlen später nicht ins Grab legen könnte? Nein, sie musste heute noch mal raus... Sie musste...
Aber wann? Eins war klar: Riku musste bereits schlafen. Würde sie überhaupt heute schlafen können, wo ihre Tante doch auch gestern die ganze Zeit wach war? Hoffentlich.
In jedem Fall würde sie wohl nicht früher, als lange nach Sonnenuntergang das Haus verlassen können. Emilie musste sich also in fast völliger Dunkelheit zurechtfinden, was bei dem zur Zeit vollen Mond allerdings kein so sehr schwerwiegendes Problem wäre.
Dann stand es also fest. Sobald Riku einschlief, müsste sie raus zur Wiese, und mit den Blumen zum Grab bei der Kirche.

"Was..?", der Pater kam ins stammeln als er den angesehenen Dorfschmied Wist Hesten vor sich sah. "Ihr und Corlen..!"
"Gebt mir nun den Schlüssel, ich habe bereits bezahlt", meinte Wist nach einiger Zeit.
"Nein, die Sonne ist gerade mal vor einer Stunde untergegangen! Das ist zu früh! Falls euch jemand entdeckt..!"
"Seid nicht so ängstlich, um diese Uhrzeit ist sowieso das ganze Dorf am schlafen." Doch der Pater hatte das Ereignis dennoch um zwei Stunden hinauszögern können.
Irgendwie tragisch. Denn hätte Emil den Schmied direkt den Schlüssel gegeben, dann wäre die Prozedur beendet gewesen, bevor sich Emilie auf die Suche nach dem Grab gemacht hätte...

Spät war es gewesen, oh ja.
Emilie merkte dass Riku am Schlafen war, und stand vorsichtig und leise auf. Absolut unbemerkt. Sie gönnte ihrer Tante den verdienten Schlaf und schlich nach draußen, hoffentlich würde Riku in der Zwischenzeit nicht aufstehen und Emilies leeres Bett sehen... Hoffentlich...

"Okay, hier ist der Schlüssel. Die Hütte ist direkt hinter dem Friedhof, ihr müsst ihn einfach nur überqueren." Der Pater sah Wist fragend an, ob letzterer alles verstanden hätte, doch dann kam es Emil ist den Sinn und er fügte noch etwas sarkastisch hinzu. "Aber das wisst ihr ja bereits."
"Ja."
"Passt dennoch auf, irgendwo in der feuchten Erde stecken noch zwei Spaten. Wir haben versucht ihre Ruhestätte zu graben, aber mussten es auf morgen verschieben."
"Kein Problem. Habt ihr eine Kerze?"
"Sicher." Wist nahm freundlich lächelnd die Kerze von Emil, und verließ die Kirche.
Ging auf den Friedhof, und bewegte sich wegen des Paters Warnung nur langsam vorwärts. Bei jedem Schritt spürte er ein leichtes Ziehen im linken Oberschenkel. Dort, wo er sich im Krieg eine Verletzung zugezogen hatte, bevor er floh und sich tagelang in den Wäldern versteckte um nicht abgeschlachtet zu werden.
Die grauenvollen Bilder der toten Körper hausten immer noch in seinen Träumen. Sie quälten ihn, lachten ihn aus.
Genug davon. Corlen wartete.

Emilie fand die Wiese auch in der Dunkelheit sehr schnell. Der Mond leuchtete auf den Boden, und sie erblickte auch schnell ihre Blumen. Da sie nicht alle auf einmal tragen konnte, nahm sie sich einen großen Arm voll und wollte später nochmals wiederkommen, um auch den Rest ins Grab zu bringen.

Wist hatte die kleine Scheune erreicht. Er sabberte wie ein Tier. Die Kerze in seiner zitternden Hand wackelte unruhig hin und her.
Er nahm sich den Schlüssel des Paters, und schloss die Tür auf. Ging hinein. Stellte die Kerze auf den Boden. Begutachtete den fast völlig leeren Raum. Fast.
Corlens nackte, blasse Leiche lag regungslos auf dem Boden. Wist trat die Türe hinter sich zu, öffnete den Gürtel seiner Hose. Es war soweit.

Riku merkte sofort dass etwas nicht stimmte. Sie hörte Emilies Atmen nicht mehr und schnellte auf.

Wist lag direkt über Corlen, stieß in sie hinein, immer fester. Wie hatte er diese Frau heimlich vergöttert! Wie hatte er ihren Mann beneidet!
Aber ihr Mann war tot, genauso wie sie selbst.
Bei jedem Stoß zuckte ihr Körper etwas, ihr Kopf wackelte und schlug unsanft auf den Holzboden. Manchmal schnappten auch die Augenlider für den Bruchteil einer Sekunden auf, um Wist mit scheinbar leeren Augenlinsen anzustarren.
Er stieß konstant weiter. Der Körper unter ihm war absolut leblos, aber bei jedem Eindringen erschütterte er etwas, bewegte er sich wieder etwas.
Geifernd schloss Wist in Ekstase die Augen. Seine alten Freunde mussten alle sterben, wurden von den Schwertern des Feindes zerstückelt, aber er war noch am leben! Er lebte!
Das Adrenalin hämmerte durch seine Adern, und er sah in ihr Gesicht. Ihr unschuldiges, totes Gesicht. Geschlossene Augen, geschlossener Mund.
Wist ließ sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie herabschmettern, und schlug ihr so lange, und so wuchtig auf den Kiefer bis er etwas knacken hörte, dann führte er sein Spiel fort.
Weiter... Immer weiter führte ihn sein Trieb. Er krallte sich mit der rechten Hand in ihre Brust, bis er etwas sämiges unter seinen Klauen spürte.
Wieder schlug er ihr an den Kiefer, und bei jedem Aufprall war ein eindeutiges Knacken zu hören. Und mehr. Ihre Zähne schienen von einem Mundwinkel zum anderen geschleudert zu werden.
Er stieß immer energischer zu, packte ihre Hand und biss mit voller Wucht hinein. Im Rhythmus, bei jedem Stoß ein Biss.
Aber das reichte ihm nicht mehr. Er schnappte sich das Messer in seiner Hosentasche und schlitzte sie auf, verteilte rote Striemen auf ihrem Körper, die vor einigen Stunden vielleicht noch pulsiert hätten. Dann schnitt er ihr in einem weiten Zug in den Bauch, griff mit beiden Händen unter ihre dicke Hautschicht, und riss sie ihr in einer ruckartigen Bewegung vom Leib. Zerfetzte sie bis zum letzten Stück. Schnitt ihr Arme und Beine ab, und stückelte diese weiter.
Wist hatte jeden Kontakt zur Außenwelt verloren, er lebte in seiner eigenen animalischen Welt. Und er lebte seine kränksten Phantasien aus.
Schließlich beendete er den heutigen Tag, indem er ihren abgetrennten Kopf aus dem Gewirr aus Fleisch und Hautfetzen hervorhob, und ihr das Messer mit vollem Elan in die Stirn rammte. Er zog es wieder hinaus, und stach es diesmal von oben in den Schädel.
Dann warf er ihren Kopf belanglos weg und zog seine Hose wieder an. Doch etwas war geschehen, seit er diese Hütte betreten hatte. Ein kleines Mädchen stand mit Dutzenden Blumen auf dem Arm zwischen dem Türrahmen. Apathisch - nur Gott allein wusste wie lange sie ihn schon angestarrt hatte.

Wist war geschockt, von der Situation völlig überwältig, und er zog sein Messer wieder hinaus.
Und da fing das Mädchen, Emilie, an zu realisieren. Ihre Augen blieben weit aufgerissen, aber sie ließ die Blumen fallen und lief weg. In irgendeine Richtung, bis sie zusammenbrach.

Riku fand sie schließlich die am Boden liegende Emilie. Sie brachte die Kleine in die Hütte zurück und legte sie besorgt auf ihr Bett.
Und Riku war zurecht besorgt gewesen.

Am nächsten Tag hatte die alte Abbey wieder etwas zu reden gefunden. Sie ging ihre morgendliche Route. Sie ging am Haus Rikus vorbei.
Emilie war tot. Ihr Herz schlug nicht mehr. Man sagte sich, sie sei an der Qual des Verlustes ihrer Mutter gestorben.

Eine Stunde später hatte Riku alle Schaulustige aus ihrem Haus, und dem Vorgarten vertrieben. Sie setzte sich auf ihr Bett. Nun war sie ganz allein.

Pater Emil Dronjak hatte Schuldgefühle, und Tränen in den Augen. Wieso musste so etwas passieren? Hatte das Dorf nicht schon genug Qualen erlitten? Und das nur, weil er jeder Geldmünze hinterherlaufen musste!
Es war so grausam...
Schließlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als er ein Klopfen an der Kirchentür hörte. Er stand auf, ging am Altar vorbei und öffnete das breite und mächtig wirkende Eingangstor.
Keine Person stand draußen, aber auf dem Boden lag etwas.
Eine gewaltige Summe Geld, und ein Zettel auf dem 'Emilie' stand.

ENDE

Vorwort
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